Reise nach Slavutych

Nachdem die Corona-Beschränkungen weitestgehend aufgehoben waren, wurde dann eine Reise nach Slavutych geplant. Es sollte ein Treffen mit allen Verantwortlichen geben, um gemeinsam einen „Fahrplan“ festzulegen, wie das Hilfsprojekt umgesetzt werden kann.

Die Reise fand vom 08.09. bis 12.09. 2021 statt.

Der erste Termin war ein Besuch am 09.09. im Kernkraftwerk Chernobyl. Während einer eigens für uns organisierten Tour konnten wir das Kraftwerk besichtigen. Die Tour führte uns auch in die Katakomben des Kraftwerks, bis an den alten Sarkophag. Während des Besuchs erfuhren wir, dass die medizinische Abteilung ein neues Programm plant, um Fachkräfte speziell für die erste Hilfe bei Strahlenunfällen auszubilden. Um dieses Projekt umzusetzen, sicherten wir dem Kraftwerk die Unterstützung unseres Vereins zu.

Am 10.09. Stand dann ein Treffen mit dem Bürgermeister der Stadt Slavutych, Herrn Yurii Formichev, sowie ein Treffen mit der Klinikleitung der Polyklinik Slavutych auf der Tagesordnung. Die Besichtigung der Klinik war erschütternd.

Der Zustand der gesamten Klinik, sowie die praktisch nicht vorhandene Ausstattung an elementaren Dingen sind für jeden, der Deutsche Standards gewohnt ist, nicht zu begreifen. Das modernste Gerät der Klinik – ein Beatmungsgerät – stammte aus dem Jahr 1981. Patientenmonitoring ist praktisch nicht vorhanden und die Klinik verfügt insgesamt nur noch über zwei funktionierende Infusionsständer. In Gesprächen mit Ärzten erfuhren wir, was in den jeweiligen Abteilungen ab dringendsten benötigt wurde. So klagte der Chefchirurg über fehlendes Nahtmaterial. Bettwäsche ist nicht vorhanden und muß von den Patienten selbst mitgebracht werden. Auch die Ernährung der Patienten muß von Angehörigen übernommen werden, da die Klinik nicht in der Lage ist, die Patienten mit angemessener Kost zu versorgen. Auf Nachfrage, was denn wäre, wenn ein Patient keine Angehörigen habe, antwortet die uns begleitende Ärztin traurig: „Dann verhungern sie.“.

Für uns war all das unbegreiflich. Schließlich waren wir in einer Klinik in einem Land mitten in Europa, keine 1500 km von zuhause entfernt.

Der letzte Tag führte uns dann in die Sperrzone – nach Prypjat. Unser Guide zeigte uns das, was von den damaligen Krankenhäusern übriggeblieben war. Dabei stellte sich heraus, dass er selbst in einer Klinik arbeitet. Max, so hieß unser Guide, arbeitet als Zahnarzt in der Klinik Tschernobyl. Die Klinik Tschernobyl versorgt das Personal des Kernkraftwerks.

Nach dem Rundgang durch Prypjat statteten wir Max´s Klinik auch einen Besuch ab. Die Zustände hier waren nicht viel besser. Das einzige Ultraschall-Gerät zur vorgeschriebenen monatlichen Routineuntersuchung aller Mitarbeiter des Kraftwerks auf strahlenbedingte Veränderungen der Schilddrüsen war defekt. Ersatz war nicht zu beschaffen, eine Reparatur unmöglich. Es wurde sofort beschlossen, diesem jungen, engagierten Arzt und seiner Klinik zu helfen.

Das eigentliche Ziel der Reise war der Besuch des Krankenhauses Slavutych. Am Ende der Reise hatten wir noch zwei Projekte dazubekommen, zumal sich herausstellte, dass die Kliniken Chernobyl und Slavutych in einigen Bereichen zusammenarbeiten und Max auch für die medizinische Abteilung des Kraftwerkes zuständig ist.

Den Abschluß bildete dann ein sehr herzlicher Nachmittag mit der Familie „unserer“ beiden Liquidatoren mit dem Versprechen, die Stadt im nächsten Frühjahr wieder zu besuchen.

Aber dazu sollte es nicht kommen…

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